Baumveredelung: Crataegus x lavallei auf Crataegus monogyna

 
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Dieter Hermann

Gruß zuvor an alle Baumspezialisten!

Bevor ich mich mit meinen Fragen im Netz verheddere, wende ich mich lieber mit folgendem Chimären-Problem an Euch: Über den Gartenzaun hinweg habe ich im September d.J. eine ca 4 Meter hohe Baum- bzw. Strauch-Chimäre fotografiert (s. die Bilder 1(A) u. 1(B)). Aus einem kurzen, sich schon am Boden verzweigenden Stamm kommen einige Äste, deren Blätter und Dornen mit Sicherheit einem Weißdorn zuzuordnen sind. Andere wiederum tragen Blätter und Früchte, von denen ich erst dachte, sie könnten zu einer Sorbusart gehören.

Nun bin ich heute an kleinen, ca 5m hohen Bäumen, die an einem Straßenrand standen, vorbeigekommen, die die gleichen Blätter und Früchte trugen (s. Bilder 2 (A-D)) wie die vermeintliche Mehlbeere an der Baumchimäre. Hier konnte ich sie nun näher untersuchen. Dabei stellte sich heraus, dass es sich wohl eher um einen Zierapfel handelt. (Die max. 2 cm großen Früchte enthalten einige, ca 5 mm große, noch unreife Kerne).

Ich nehme an, dass die Chimäre durch Pfropfung entstanden ist und die Weißdornzweige von unten nachgewachsen sind. Dabei stellt sich die Frage: Geht das überhaupt und, wenn ja, was macht das für einen Sinn, einen Zierapfel auf einen Weißdorn zu pfropfen?

Ich wäre auch dankbar, für eine Bewertung meiner Zierapfelbaum-Vermutung.

Dieter Hermann
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daylily

Hallo Dieter Hermann,

das ist auf jeden Fall mal ein Crataegus. Also auch das veredelte mein ich! Ich muss mal suchen gehen, welcher es ist.

Was hältst du vom Apfeldorn, Crataegus lavallei 'Carrierei':
http://www.google.de/search?q=…d=0CCoQsAQ

Das würde auch zu den wildapfelähnlichen Früchten passen.
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Hortus 1

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Plantsman

Moin,

bei den Chimären von Crataegus vermischen sich die Zellschichten der Unterlage und des Edelreises vollständig, so das es zu einem Individuum mit intermediären Merkmalen kommt. Als Chimäre von Crataegus kenne ich aber nur +Crataegomespilus dardarii aus eigener Erfahrung. Im Prinzip ist jede zweite Zelle ein Crataegus, die jeweils andere eine Mespilus, "zwei Seelen wohnen ach! in meiner Brust" (ist aus Goethes Faust).
Bei "Deiner" Pflanze, die von den Beiden schon richtig bestimmt wurde , ist einfach nur die Unterlage durchgetrieben, die Weißdorn-Triebe sind sozusagen Wildtriebe.

Die echte Chimäre tendiert mal zu der einen oder anderen Art, ist aber immer ein ziemlich sparriges, stark bedorntes, dendrologisch kostbares.............. Gestrüpp Kann aber trotzdem ganz nett sein (Blüte, Herbstfärbung und essbare Früchte).
+Crataegomespilus dardarii.JPG
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+Crataegomespilus dardarii (2).JPG (405.57 KB)
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Scrooge

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Plantsman

Na,

das ist definitv kein Gestrüpp mehr . Als Jungpflanzen sind sie wirklich struppiges Gesocks
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Dieter Hermann

Ein viermaliges Dankeschön für die ausführliche Auskunft!

Die Arbeitshypothese "Crataegus x lavallei" leuchtet mir ein, vorausgesetzt, dass bei den "Straßenbäumen" 5 cm lange Dornen zu finden sind. Die sind mir bisher nicht aufgefallen. Mittels Feldstecher wede ich versuchen, sie an den Bäumen ausfindig zu machen.

Dornen an der Chimäre habe ich bisher auch nur an den Ästen festgestellt, die ich wegen ihrer ziemlich tief gespaltenen Blätter einem Eingriffligen Weißdorn (Crataegus monogyna) zuschreiben möchte. Deren Dornen waren aber höchstens halb so lang. Sollten die anderen Zweige von einem Lederblättrigen Weißdorn stammen, müßten sich dort viel längere Dornen finden lassen. Diese Suchaufgabe wird ebenfalls schnell zu lösen sein.

Sollte sich die Chimäre als in Teilen langbedornt herausstellen, müßte also nach Plantsmans hoch interessanten Ausführungen, ein C. lavallei auf einen C. monogyna - warum auch immer - auggepfropft worden sein.

Auf das Ergebnis bin ich gespannt!
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Hortus 1

Hallo,
eigentlich wollte ich zum Problem Chimäre ja oder nein nichts schreiben; nun tue ich es doch.
In den Baumschulen wird Crataegus x lavallei besonders für die Hochstammproduktion weitgehend auf
der preiswerten und widerstandsfähigen Unterlage Crataegus monogyna veredelt. Diese Produkte sind, wie schon von Stefan ausgeführt, keine Chimären. Theoretisch wäre es zwar möglich, daß sich unmittelbar an der Veredlungsstelle eine Austrieb mit durchmischten Genen, also eine Pfropfchimäre, bildet. Aber aus den eingestellten Bildern wird dergleichen nicht sichtbar. Vieles spricht dafür, daß wie bei anderen Veredlungen auch, die Unterklage (hier Crataegus monogyna) im Boden- oder Stammbereich durchgetrieben hat. Dieser Austrieb sollte im Interesse der "Edelsorte" Crataegus x lavallei bald entfernt werden.
Dornen werden bei Crataegus x lavallei i.d.R. an stärkeren Ästen und im Stammbereich gebildet, aber selten an Jungpflanzen.
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Dieter Hermann

Hallo Hortus,

nach Deiner und Stefans Klarstellung, wofür ich Euch sehr dankbar bin, kann wohl in dem vorgestellten Fall von einer Chimäre nicht die Rede sein. Hier ist lediglich eine verwilderte Unterlage in die Edelsorte hineingewachsen, ohne dass eine zelluläre Vermischung stattgefunden hat (zumindestens nicht außerhalb der Veredelungsstelle).

Dank Lichtung des Dauernebels und schon etwas gelichtetem Blattwerk sowie mit Brille und Feldstecher ausgerüstet, konnte ich mich heute davon überzeugen, dass sowohl die Ex-Chimäre, wie auch die erwähnten Bäume in der Siedlungsstrasse, vereinzelte, lange, z.T. verweigte Dornen trugen.

Bei dem Mischbuschwerk im Vorgarten handelt es sich also tatsächlich um einen Crataegus X lavallei 'Carrierei', der auf einen Crataegus monogyna aufgepflanzt worden ist.

Herzlichen Dank für die, schon in diesem Sinn geänderte Titelzeile und liebe Grüße! D.H.
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Straßenbaum 2 (E).JPG (37.95 KB)
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Dieter Hermann

Zur Frage "Chimäre: ja oder nein?" habe ich noch Klärungsbedarf: Bei jeder Veredelung müßte m.E. an der Schnittstelle Edelreis/Unterlage chimäres Gewebe entstehen, also ein Zellverband, der aus Zellen der beiden verwendeten Pflanzenarten besteht, sonst wäre ja keine Versorgung des aufgepfropften Pflanzenteils möglich. Ein solches chimäres Gewebe mit der Potenz, zwei Pflanzenarten bilden zu können, beschreibt Stefan anschaulich mit den Worten:
Zitat
Im Prinzip ist jede zweite Zelle ein Crataegus, die jeweils andere eine Mespilus, "zwei Seelen wohnen ach! in meiner Brust" (ist aus Goethes Faust).
. Nun wird aber sicher nur ein kleiner (Stamm-?) Anteil von "+Crataegomespilus dar darii Simon-Louis Pfropfchimäre" (So ist es am Baumstamm auf dem oberen Bild von Scrooge zu lesen) aus chimärem Gewebe bestehen, denn alle belaubten und Früchte tragenden Teile zeigen auf den Fotos vom Stefan und Scrooge entweder nur Crataegus- oder nur Mespilus-Gestalt. Das heißt, dass das Mischgewebe spätestens mit der Bildung von Neuaustrieben seine Duopotenz verliert. Angesichts dieser Sachlage frage ich mich, wie der Chimärenbegriff eindeutig zu definieren ist.
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Hortus 1

Hallo,
Pfropfchimären entstehen dann, wenn an der Veredlungsstelle Vegetationskegel /Knospen entsten, in welchen sowohl Zellen der Unterlage als auch des Edelreises enthalten sind. Treibt eine solche Knospe aus, durchziehen den entstehenden Trieb Zellschichten beider Pfropfpartner, ohne sich jedoch genetisch zu vermischen. Dadurch können am Zweig /Ast wieder Knospen verschiedenen genetischen Potentials gebildet werden. Durch neuerliche vegetative Vermehrung (Stecklinge o. Veredlung) kann man dieses Mischwesen erhalten. Solche Chimären sind durch + vor dem Namen erkennbar. Neben
+Crataegomespilus ist besonders +Labrurnocytisus adamii (Cytisus purpureus + Laburnum anagyroides)
als auffallend blühender Zierstrauch bekannt. Bei dieser Pflanze werden in unterschiedlichen Anteilen Zweige mit der Belaubung und der Blüten der Ausgangsarten gebildet.
http://www.gartendatenbank.de/…sus-adamii
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Dieter Hermann

Vielen Dank, Hortus, für die fachkundige Auskunft. Vor allem auch für den Hinweis auf den Chimären-Goldregen, bei dem wohl doch angenommen werden muß, dass es hier zu einem Genaustausch zwischen den Zellen des chimären Gewebes gekommen ist. Anders kann ich mir die Änderung der Blütenfarbe nicht erklären.

Viele Grüße D.H.
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Dieter Hermann

Hallo Hortus,

zu dem Chimären-Goldregen, der auf der von Dir zitierten Seite beschrieben wird, habe ich noch eine Frage: Wie ich schon in meinem Beitrag vom 26. Oktober schrieb, fällt auf, dass bei Pfropf-Chimären an bestimmten Stellen der Pflanze, das ursprüngliche Mischgewebe zu einem homogenen Zellgewebe wird. Distal davon entstehen nur noch Pflanzenteile der einen oder der anderen Art. So gibt es auch bei dem Chimären-Goldregen rein gelbe und rein rote Blütentrauben. Wie ist nun aber die Entstehung der rosafarbenen Blütentrauben zu verstehen?

Meines Erachtens gibt es dafür zwei Erklärungsmöglichkeiten:

1.: Bis hin zur Ausbildung der Blüten besteht ein Mischzellgewebe mit Orginalzellen beider Gattungen (hier Purpurginster und Gewöhnlicher Goldregen). Dann müßte man erwarten, dass irgendwo auch Misch[/b]formen von Blüten und Blättern auftreten, was jedoch nicht beschrieben wird.

2.: Es hat ein Genaustausch zwischen den Orginalzellen gegeben, so dass im ursprünglichen Mischgewebe nebeneinander drei verschiedene Zellarten vorhanden sind. Dann würde die rosafarbene Blütentraube aus homogenem Gewebe dieser 3. Zellart bestehen, die aufgrund der genetischen Veränderung die neue Blütenfarbe hervorbringt.

Welche Möglichkeit würdest Du für die wahrscheinlichere halten?

In der Hoffnung, Deine Zeit mit dieser speziellen Frage nicht zu sehr in Anspruch zu nehmen, grüße ich Dich vielmals und wünsche Dir ein angenehmes Wochenende!

Dieter Hermann
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Hortus 1

Hallo Dieter Hermann,
zwischenzeitlich habe ich mich zum Problem etwas eingelesen, dabei aber keinerlei Hinweise auf die Existenz von drei Zelltypen in einer Pfropfchimäre gefunden. Immer wird davon ausgegangen, daß in den Pfropfchimären Zellschichten der Ausgangsarten nebeneinander existieren, ohne sich zu vermischen. Auf welche Art die erwähnten Mischblüten zustande kommen, kann ich mir nur so erklären, daß solche Blüten ebenfalls aus unterschiedlichen Zelle aufgebaut werden und dadurch die rosa Blütenfarbe verdünnt wird.

http://www.botanik.univie.ac.at/hbv/index.php?nav=pfl01
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Dieter Hermann

Guten Abend Hortus!

Ich danke Dir für Deine Erklärung und den Hinweis auf den, erst kürzlich aktualisierten Bericht der Uni Wien, die mich davon überzeugt haben, dass die neu entstandene, rosa Blütenfarbe bei + Laburnocytisus 'Adamii' nicht durch genetische Veränderung, sondern lediglich durch eine konkurrierende Merkmalsausprägung der beiden beteiligten Zellarten im chimären Gewebe zustande kommt.

Liebe Grüße

Dieter Hermann

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