GinkgoWolfs Blog
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Grüne Orte: Verborgene Hofgärten im Böhmischen Dorf in Berlin

permanenter Link von GinkgoWolf am Sa 26 Okt, 2013 19:27

Sie werden die verborgenen Hofgärten genannt und in der Regel sind sie nur den Bewohnern der Kirchgasse bzw. Richardstraße vorbehalten. Doch zur Aktion "Offene Gärten" ist es Besuchern möglich, einen Blick hinter die Mauern der ehemaligen Bauerngehöfte zu werfen und sich ein Bild von den Gärten zu machen.

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Auffallend ist das Ambiente: Sobald der Besucher die Schritte in die Kirchgasse gesetzt hat, fühlt er sich wie in alte Zeiten zurückversetzt. Das soll noch Berlin sein? Wo Fernsehturm, U-Bahn und Einkaufszentren warten? Hier, in einem Stadtteil von Berlin-Neukölln, scheint die Zeit stehen geblieben zu sein. Schmucke, kleine Gehöfte mit liebevoll gestalteten Vorgärten schaffen eine dörfliche Atmosphäre. Nur von ferne hört man den Verkehr rauschen – aber dabei könnte es sich auch um eine Umgehungsstraße handeln.

Wir befinden uns im so genannten "Böhmischen Dorf", auch als Böhmisch-Rixdorf bekannt. Diese Gemeinde wurde 1737 von protestantischen Flüchtlingen aus Böhmen gegründet. Der Dorfanger – heute ist dies der Richardplatz – bildete die Grenze zu Deutsch-Rixdorf.
Und heute sind beide Dörfer von Berlin geschluckt worden. Doch sie konnten sich der Großstadt gegenüber behaupten. Das verdanken sie dem Denkmalschutz. Jedes Gebäude im Böhmischen Dorf steht unter diesem Schirm und sie alle zusammen stehen sogar unter Ensembleschutz!

Die dörflich anmutende Idylle mag die Menschen auch dazu bewogen zu haben, hier leben zu wollen. Die Arbeit liegt dank Berlins wie vor der Haustür und Urlaub fürs Auge gibt es im hofeigenen Garten.

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Von den zehn Gärten finden sich neun in der Kirchgasse, während der zehnte in der Richardstraße zu suchen ist. Über einen mit Kletterpflanzen und Stauden begrünten Weg, der von der Kirchgasse abzweigt, gelangt man zu ihm.

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Die Bewohner der Richardstraße 34 haben sich mit verschieden Arrangements von Stauden ein kleines Refugium geschaffen. Eine zwischen zwei alten Bäumen aufgespannte Hängematte macht den Ort perfekt für ein kleines Päuschen im Grünen.

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Ein Blickfang für diesen Garten: Fingerhut (Digitalis purpurea und die Zuchtsorte Digitalis purpurea 'Alba') und rotblühende Schafgarbe (Achillea millefolium 'Rosea') streuen ein paar fröhliche Farbtupfer in das Grün.

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Die Gärten der Kirchgasse sind überwiegend in dörflichem Stil gehalten und dabei von ihren Besitzern z.T. aufwendig gestaltet worden. Die Hofeinfahrten sind ausgepflastert, die Garten- oder Ruheecken mit Beeten, Pflanzstreifen oder Rasen bepflanzt. In das Arrangement mischen sich altes Handwerksgerät, Vogeltränken oder Kübelbepflanzungen. Alte Fotographien dokumentieren, wie die Höfe vor ihrer Neugestaltung aussahen.

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Für die farbliche Gestaltung sorgen verschiedenste Arten von Stauden, Rosen (Rosa spec.), Taglilien (Hemerocallis spec.) und Rittersporn (Delphinium spec.) sind nur ein paar Beispiele aus all diesen Pflanzengesellschaften.

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Und immer wieder entstehen gemütliche Sitzecken und originelle Rückzugsorte.
Teilweise verblüffen die Gärten mit Details und kombinieren Materialien, die in "normalen Situationen" sonst vielleicht nie zusammengefunden hätten. So auch in diesem Garten:

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Da sieht der Besucher alte Trompeten zwischen den Stauden hervorlugen. Bei einigen glänzt das Metall noch in der Sonne, als wäre das Instrument gestern noch gespielt worden. Bei anderen ist das Material verbogen oder die Knöpfe sind rostig und offenbaren, dass sich schon seit einiger Zeit keiner mehr gefunden hat, der sie gespielt hätte.

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Für den Hausherrn war es eine Postkarte, die den Ausschlag für diese eigenwillige Gartendekoration gegeben hat. Eine Tuba war darauf zu sehen und dieses Instrument kreierte einen Sammler alter Trompeten. Von Flohmärkten wurden die guten Stücke zusammengetragen, was keineswegs eine leichte Aufgabe darstellte. In der Regel waren die Instrumente nicht mehr spielbar und landeten wohl viel eher im Müll.

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Doch einige gelangten in die Hände des Hausherrn und schmücken seitdem eine Ecke seines Gartens. Und wer weiß, ob nicht an ruhigen Tagen eine leise Melodie durch das Böhmische Dorf zieht, hörbar nur für den, der sie hören will?

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In einem anderen Garten wird aus der Anpflanzung Kulisse für einen Kindheitstraum. Ein kleiner Zug zieht dort seine Runden und nimmt den Besucher mit, um den Garten aus einer anderen Perspektive zu sehen. Man stelle sich nur vor, wie groß die Edeldistel im Verhältnis zum Zug wird. Selbst aus dem Mini-Teich wird ein großer See, über den nur eine Brücke führt.

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Einer der zehn Hofgärten zeigt sich ausgesprochen naturnah. Die strengen Formen der Gebäude werden von den weichen Umrissen der Pflanzen aufgelöst und geben dem Garten etwas lebendig Leichtes. Die Feuertreppe wird für das Auge wirkungsvoll hinter Sträuchern und Kletterpflanzen versteckt, ohne dabei tatsächlich 'weg' zu sein. Große Gehölze wie Flieder (Syringa vulgaris) oder Birke (Betula spec.) spenden angenehmen Schatten.

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Den Zugang zu diesem Garten bewacht ein Schlitzblättriger Essigbaum (Rhus typhina 'Dissecta'). Die Wege sind schmal, die Hauptachsen mit Katzenkopf gepflastert. Rechts und links schließen sich nach kurzer Zeit die Pflanzungen an.

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Der Tiger!

Die naturnahe Gestaltung mit lichten und dichter bewachsenen Ecken sorgt natürlich auch bei den tierischen Bewohnern für Freude, da sich immer wieder natürliche Rückzugsorte ergeben.

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Alle hier vorgestellten Gärten sind von außerhalb nicht einsehbar. Sie liegen hinter den Gebäuden in den dazu gehörenden Höfen. Jeweils zwei Häuser teilen sich dazu noch einen Zugang von der Kirchgasse aus. Diese Zugänge sind manchmal ebenfalls mit Stauden bepflanzt.

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Jeden, der neugierig auf die Verborgenen Hofgärten des Böhmischen Dorfes geworden ist, kann ich nur empfehlen zur Aktion "Offene Gärten" einen Besuch dorthin zu unternehmen. Im Jahr 2012 waren alle teilnehmenden Gärten deutlich sichtbar an der Goldenen Gießkanne zu erkennen.

Wie komme ich hin?

U-Bahn-Linie U7 bis Karl-Marx-Str.

Von dort aus 5 Minuten Fußweg über die Ulthmannstraße in die Richardstraße und von dort in die Kirchgasse
Bei Anreise mit eigenem Kraftfahrzeug bitte außerhalb parken.
"Das ist die Hoffnung", sagte Ginkgo zu Wolf. "Es wird immer einen Weg geben, immer weiter gehen. Leben, das heißt in Bewegung zu sein."
(Ginkgo und Wolf: Bifröst und das Darüber hinaus)

Es geht doch nichts über Pflanzen!