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Grüne Orte: Ehem. Neubrandenburg-Friedländer Eisenbahn

permanenter Link von GinkgoWolf am Do 11 Jan, 2018 21:50

Wer ein Stück Geschichte erleben will, kommt in Neubrandenburg (Mecklenburg-Vorpommern) auf seine Kosten: Immerhin hat die Stadt eine fast vollständig erhaltene mittelalterliche Stadtmauer mit vier gotischen Stadttoren, was ihr den Namen "Vierttorestadt" eingebracht hat. Darüberhinaus zeichnet die Stadt ihre geradezu malerische Lage am Nordufer des Tollensesees aus.
Neubrandenburg ist grün: der weitläufige Kulturpark direkt am See oder die Wallanlage sind nur zwei der vielen sehenswerten Grünanlagen der Stadt. Doch eine Parkanlage wird in der Liste der interessanten Grünanlagen oftmals vergessen: der Grünzug der ehemaligen Neubrandenburg-Friedländer Eisenbahn. Selbst so mancher Neubrandenburger weiß kaum etwas vom Friedländer Damm (so wird er landläufig auch genannt), geschweige denn von seiner Geschichte. Man mag es diesem Stück Grün vielleicht nicht zutrauen, aber es handelt sich dabei eigentlich um ein Stück 100jährige Eisenbahngeschichte.

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Ein Stück Bahngeschichte

Die Eisenbahnlinie verband Neubrandenburg mit der damals industriereichen Stadt Friedland, die sich nordöstlich von Neubrandenburg befindet. In Friedland wurden nacheinander eine Ziegelei (ab 1870), eine Zuckerfabrik (ab 1891) und eine Stärkefabrik (ab 1896) gegründet. Um die Produkte und die Rohstoffe zu transportieren, brauchte es eine Eisenbahnverbindung. Deshalb wurde am 5. November 1884 ein insgesamt 26km langes Teilstück der Neubrandenburg-Friedländer Eisenbahn eröffnet. Zu dieser Zeit endete die Bahnlinie noch mitten in der Stadt, da für eine Einfahrt in den Hauptbahnhof ein Bahndamm aufgeschüttet und zwei Brückenbauwerke über bereits bestehende Eisenbahnstrecken errichtet werden mussten. Erst knapp ein Jahr später, am 20. Oktober 1885 konnte die Strecke bis in den Neubrandenburger Hauptbahnhof erweitert werden.

Die Eisenbahntrasse überstand zwei Weltkriege und entging dem drohenden Abbau des Schienennetzes für Reparationsleistungen allein dadurch, dass die Industrie Friedlands ohne Schienenanschluss gewesen wäre. Erst mit der Wiedervereinigung wurde die Bahn unrentabel. Die Fliesenwerke, die Stärkefabrik und zuletzt auch die Zuckerfabrik Friedlands waren stillgelegt worden. Damit brach eine wichtige Lebensader weg, die die Bahn zum Überleben brauchte. Zwar beförderte die Eisenbahn auch Personen, doch seit 1990 fuhren die drei Zugpaare fast leer.

Am Abend des 14. Januar 1994 waren auf der Strecke Neubrandenburg-Friedland die letzten Personenzüge unterwegs. Das ca. 3km lange Teilstück zwischen dem Bahnhof in Neubrandenburg und der Neubrandenburger Vorstadt wurde anschließend stillgelegt. Ab 1995 wurden auf dem Streckenabschnitt zwischen der Stralsunder Bahnstrecke und der Demminer Straße die Gleise zurückgebaut. Danach fiel das Stück in einen Dornröschenschlaf.

In den 90er Jahren war die einstige Bahntrasse nochmals in aller Munde, denn es gab Pläne sie für eine innerstädtische Umgehungsstraße auszubauen. Glücklicherweise entging dieses Stück Eisenbahngeschichte diesem Schicksal, zumal die Pläne einen erheblichen Einschnitt in die städtebauliche Substanz bedeutet hätten. Stattdessen wurde erwogen, den ehemaligen Schienenweg zu einem Grünzug umzugestalten.

Ein grüner Gürtel für die Stadt

Die Stadt Neubrandenburg kaufte das Grundstück der stillgelegten Bahntrasse 2004 von der Deutschen Bahn AG. Nach etwa vier Jahren Bauzeit wurde am 10. November 2008 ein kombinierter Geh- und Radweg feierlich eröffnet. Auf ca. 1,4km Länge durchzieht der Friedländer Damm heute als ein grüner Gürtel die Vorstadt Neubrandenburgs und erhöht die Aufenthaltsqualität in den benachbarten Wohngebieten. Dabei verläuft ein Kilometer der Strecke auf dem ehemaligen Bahndamm.

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auch abends einen Spaziergang wert

Spaziergänger schätzen die besondere Atmosphäre dieses Ortes. Dazu trägt das Zusammenspiel von offener sowie geschlossener Bepflanzung aus Freiflächen, waldartigen Strukturen und einer wegebegleitenden Eichenallee seinen Teil bei. Die spezielle Attraktivität dieses Ortes entsteht jedoch durch die Aussagekraft der „Bahn-Denkmale“, die an die Geschichte der Friedländer Bahntrasse vor ihrer Umgestaltung erinnern.

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Natternkopf vor Gleisdenkmal
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"Gleispflaster" und Prellbock erinnern an die Geschichte des Ortes
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Gleisdenkmal und Holzeisenbahn zum Klettern für die Kinder
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ein Brunnen aus Eisenbahnschienen

Eigentlich kaum vorstellbar, dass vor gerade einmal 100 Jahren noch rauchende Dampflokomotiven hier entlangfuhren, wo doch nun alles so idyllisch da liegt...

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blühende Malven

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blühende Rosenbüsche
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Natternkopf und Klatschmohn
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Abendstimmung


verwendete Quellen:
- Preuß, Erich: Archiv deutscher Klein- und Privatbahnen. Brandenburg/ Mecklenburg-Vorpommern. Transpress Verlagsgesellschaft, 1994 Berlin
- Archiv-Unterlagen aus dem Stadtarchiv, Neubrandenburg
- https://de.wikipedia.org/wiki/Bahnstrecke_Neubrandenburg-Friedland
- http://www.bahntrassenradeln.de/bahn_mv.htm#mv12
- http://www.nationaler-radverkehrsplan.de/neuigkeiten/news.php?id=1754
Bilder
"Das ist die Hoffnung", sagte Ginkgo zu Wolf. "Es wird immer einen Weg geben, immer weiter gehen. Leben, das heißt in Bewegung zu sein."
(Ginkgo und Wolf: Bifröst und das Darüber hinaus)

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